Hier kannst du Jeck sein, mit all deinen Macken

  • 8. April 2017
Ronald hat die Stadt der Liebe wegen verlassen. Unter anderem sein Heimweh hat ihn dazu getrieben, mit Kölschgänger eine Plattform aufzubauen, um Kölnern zu zeigen, wie viel in ihrer Stadt steckt. Wenn er über seine Heimat spricht, merkt man ihm schnell an, wie wichtig sie für ihn ist. Im Interview erfahrt Ihr mehr über Kölschgänger und den Mann, der dahinter steckt.

Hi Ronald, was verbindest du mit Köln?
Ich kam damals mit drei Jahren hierher und bin im Norden der Stadt aufgewachsen.
Die Jugend in der Großstadt verbringen zu können war natürlich perfekt, weil man die Möglichkeit hat, sich freizuschwimmen.
Als ich dann erste Mal ins Siegerland kam, war einer meiner ersten Gedanken: Die armen Jugendlichen. Die wissen ja gar nicht, was es eigentlich für Möglichkeiten für sie gibt.
Und die können sich dort wahrscheinlich nicht so frei entfalten, wie es hier möglich ist. Wenn du in Köln groß wirst, wirst du meiner Meinung nach automatisch lockerer. In jeder Hinsicht. Ein Thema, bei dem es mir immer wieder deutlich wird, ist die Toleranz. Ich bin es gewohnt, mit Menschen aller Couleur zusammenzuleben. In etwas dörflicheren Gegend wird sich da eher mal umgeschaut. Das ist mir völlig fremd.

Du schwärmst so von Köln, wieso hast du die Stadt dann verlassen?
Natürlich der Liebe wegen. Vor 18 Jahren habe ich ein Mädchen aus dem Siegerland kennengelernt und bin ihr dorthin gefolgt. Ich habe ihr aber schon ganz klar gesagt, dass, wenn sie in Rente geht, der Weg zumindest ein Stück weiter Richtung Köln. Da muss ich aber noch ein wenig Überzeugungsarbeit leisten (lacht).

Was zeichnet für dich denn Köln aus?
Dass die Stadt trotz ihrer Millionen Einwohner den dörflichen Charakter bewahrt hat. Außerdem bist du in wenigen Minuten überall, auch in der Natur. Das ist für mich, der durch meine Bücher über Kräuter eine sehr enge Naturverbundenheit spürt, natürlich sehr viel Wert. Und dank Adenauer haben wir schon unmittelbar in der Stadt sehr viel Grün. Ich liebe es aber genauso, mich an den Rhein zu setzen oder ihn entlang zu spazieren.
Da ich durch meine lange Zeit viele verschiedene Veedel kenne, kann ich mir auch aussuchen, was für eine Art ich jeweils haben will. Die Südstadt ist beispielsweise anders als das Eigelstein-Viertel. Jedes Veedel hat bedingt durch Umfeld und Leute einen eigenen Charakter und je nach Stimmung kannst du dich dann danach ausrichten.

Hast du denn ein favorisiertes Viertel?
Nein, das geht wirklich nach Lust und Laune. Ob es mich in die Ubierschänke, das Balthasar, in´s Lommi oder sonst wohin verschlägt, hängt einzig von meiner persönlichen Stimmung ab.

Gehen wir vom Viertel auf das große Ganze. Wie würdest du das häufig erwähnte kölsche Jeföhl beschreiben?
Also erstmal definiert das jeder für sich selbst und hat daher Tausende Facetten.
Aber für mich ist es schlicht und ergreifend, dass ich nach Hause komme und ich mich nicht verstellen muss, ich keine Maske tragen muss. Hier wird nicht so über dich geredet, wie es auf dem Land der Fall ist. Hier bist du einfach, wer du bist. Mit all deinen Macken und Schwächen. Hier kannst du jeck sein. Weil du nur einer von einer Million Jecken bist.

Wie ist denn die Idee zu Kölschgänger entstanden und was ist die Absicht dahinter?
Das fing damit an, dass mich da unten das Heimweh plagt und ich dann irgendwann angefangen habe, Kölner Seiten zu suchen. Dabei habe ich dann festgestellt, dass mir die meisten davon nicht zusagten und ich auf zig Seiten gehe musste, um zu erfahren, was in Köln wirklich los ist. Also dachte ich mir, dass das mal etwas gebündelt werden müsste.
Hinzu kam, dass mich immer wieder Bekannte, die aus dem Siegerland nach Köln fahren wollten, gefragten haben, wo sie denn hin sollten in der Stadt. Darüber habe ich angefangen aufzuschreiben, was man meiner Meinung nach alles machen sollte. So kam eines zum anderen und ich hatte bis dato ja auch schon einige Bücher geschrieben, also war der Schritt dann nicht völlig abwegig.
Dann ging es los, dass ich einige Touren, die man wunderbar zu Fuß machen kann, aufgeschrieben habe. Heutzutage braucht man dann natürlich auch eine Homepage und eine Präsenz in den sozialen Medien und das habe ich dann auch alles aufgesetzt und biete die Spaziergänge durch die schönsten Viertel dort an.

Welche Viertel sind das, durch die es dann geht?
Ganz klassisch natürlich Nippes und Eigelstein, aber auch Ehrenfeld ist nicht zu vernachlässigen. Je nachdem vermische ich die Touren auch und passe sie spontan an. Im Sommer geht es dann natürlich vermehrt in Biergärten als in Brauhäuser. Aber ich will kein Besäufnis, sondern den Leuten auf drei bis vier Kilometer langen Spaziergängen mal die Ecken zeigen, die sie sonst vielleicht übersehen, also Kirchen, Baudenkmäler etc.
Und ganz wichtig: Das sind keine Führungen, sondern Spaziergänge, bei denen ich nur ein Teil von bin und mich den Leuten anpasse, auf sie eingehe. Es ist also, als würde ich meinen Freunden die Stadt zeigen. Wir sind alle Kölschgänger, daher auch der Name.